Ich sehe was, was du nicht siehst!
Eine Anleitung zum Hinschauen
und Erkennen von Motiven
von Carola Vahldiek (Ungekürzte Fassung)
Besondere Bilder zeichnen sich durch
ihre technische Qualität aus, vor allem aber dadurch, dass die
Neues zeigen. Auf den zweiten Blick verwundert diese Aussage, da sich
der Fotograf eigentlich damit beschäftigt, Vorhandenes abzubilden.
Es kann also nicht wirklich ein neues Motiv sein, was ein besonderes
Bild ausmacht. Es ist vor allem die Art, wie es durch den Fotografen
gesehen, betrachtet und festgehalten wird.
Von zwei Menschen mit Kamera, die denselben Ort besuchen, kommt
manchmal der eine mit einer großen Auswahl verschiedenster
interessanter Bilder zurück, während der andere
enttäuscht behauptet, es habe keine lohnenswerten Motive gegeben.
Einen guten Fotografen machen vor allem das "richtige Sehen" und die
Fähigkeit, Motive zu erkennen, aus. In Zeitschriften und
Büchern finden sich meist aber nur pauschale Hinweise hierzu.
Während technische und gestalterische Anleitung gegeben wird, so
sucht man nach Hinweisen, das "richtige Sehen" zu lernen, vergebens.
Kann man es überhaupt lernen? Kann man Anleitung hierfür geben?
Beim Fotografieren suche ich vor allem die Schönheiten, die
Kompositionen, die Farben. Es sind nicht nur die spannenden Momente, die
ich festhalte. Häufiger gestalte ich Stillleben mit der Kamera und
hoffe so, die Wunder der Natur auch für andere sichtbar zu machen.
Im Laufe meiner fotografischen Tätigkeit haben sich mir dabei
immer mehr Möglichkeiten eröffnet, Bilder zu sehen, wo andere
nichts sehen.
Mit allen Sinnen in der Natur
Die von mir am häufigsten praktizierte Art, Motive zu suchen, sind
Wanderungen oder Spaziergänge, auf denen ich mich von den Motiven
überraschen lasse. Wenn ich mit der Kamera in der Natur bin, stelle
ich immer wieder fest, dass ich eigentlich acht Augen, vier Ohren und
zwei Nasen bräuchte, um wirklich die ganze Vielfalt der Motive um
mich herum wahrnehmen zu können.
Reh (Capreolus capreolus) auf einer Lichtung
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Nicht nur die Augen können den Fotografen zu seinen Bildern
führen. In vielen Fällen führen mich meine Nase, indem
sie etwa en Duft versteckter Blüten einfängt, oder meine
Ohren, die mir durch leises Rascheln, Summen, Zwitschern, durch Rufe
oder andere Geräusche die Anwesenheit kleiner und auch
größerer Tiere verraten. Viele Tiere entdeckt man vor allem
durch die Geräusche, die sie verursachen. Ihre Tarnung führt
dazu, dass sie häufig übersehen werden. Das Bild 1 etwa ist
entstanden, indem ich "meinen Ohren hinter herschaute".
Die wichtigsten Sinnesorgane des Fotografen auf der Suche nach Motiven
sind natürlich die Augen. Wenig Erfolg wird indes der haben, der
die Kamera schultert und stur geradeaus sieht. Oder die Augen
schließt. Selbstverständlich!
Merkwürdig ist, dass es bei der Frage, zu sehen, wo andere nichts
sehen, keine Selbstverständlichkeiten gibt. Gerade das, was
scheinbar offensichtlich nicht zum Erfolg führen kann, führt
manchmal zu den ungewöhnlichen Bildern.
Grenzen sehen - Übergänge sehen
Troll mit Fledermausohren
Nikon F 100, Nikkor 2.8/105mm Micro, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Im Bild 2 sehen Sie Eis auf einem Bach. Ich nenne es jedoch "Troll mit
Fledermausohren". Ist Ihnen das unbegreiflich und sehen Sie nur Eis?
Betrachten Sie das Bild mit zusammengekniffenen Augen! Blinzeln
führt dazu, dass Details und Farben weniger gut, die beherrschenden
Strukturen dafür aber deutlicher wahrgenommen werden. Am Beispiel
des Eises führt das Zusammenkneifen der Augen dazu, dass einem die
Augen geöffnet werden! Aber auch in anderen Situationen ist dies
ein wunderbares Mittel, die Komposition des Bildes, die harmonische
Gestaltung des Motivs und dessen bestimmende Linienführungen zu
erkennen. Schließen Sie Ihre Augen daher ab und zu bis auf einen
kleinen Spalt!
Tautropfen und Regenbogen
Nikon F 100, Nikkor 2.8/105mm Micro, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
An anderen Stellen wiederum führt genau das Gegenteil zum Motiv.
Das Bild 3 sieht nur, wer die Augen weit öffnet und so auch die
feinen Übergänge und Nuancen erkennt.
Beides hat also seine Berechtigung, und je häufiger man, an einem
Ort stehend, beides im Vergleich ausprobiert, desto eher fallen
besonders starke Strukturen und besonders feine Farbnuancen später
auch ohne diesen Vergleich auf.
Geradeaus schauen - zurück schauen
Sollte etwa auch das sture Geradeausschauen meines Eingangsbeispieles
ein Schlüssel zu Motiven sein? Viele Motive enthüllen sich
nicht auf den ersten Blick, sondern erst auf den weiten oder dritten.
Oft genug entdecke ich Motive, indem ich an einem Ort verweile und einen
Teil meines Umfeldes für eine Weile in meinem Blick festhalte,
ohne etwas Konkretes zu sehen. Ich lasse meine Augen etwa auf einem
blühenden Busch oder einem kleinen Ausschnitt einer Wiese ruhen.
Zunächst sehe ich nichts, und unvermittelt eröffnet sich mir
ein Motiv. Es ist fast unmöglich, einen Ausschnitt der Natur zu
betrachten, ohne dass unvermittelt Tiere ins Blickfeld geraten, die
aufgrund ihrer geringen Größe oder auch aufgrund ihrer
Tarnung vordem "unsichtbar" waren (Bild 4). Wer sich mit einem Makro in
eine naturnahe Wiese setzt, wird nach einer Weile sehr viele Motive
entdecken.
Hüpfer (Tettigonia viridissima) und
Hahnenfuß (Ranunculus)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/105mm Micro, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Ständiges Nach- Vorn- Schauen führt aber auch manchmal dazu,
gute Motive zu übersehen. Wer auf Wanderungen Landschaften oder
Landschaftselemente fotografiert, ist gut beraten, sich von Zeit zu Zeit
umzuwenden und zurück zu schauen. Wie oft war ich von der
völlig anderen Wirkung einer Landschaft, die ich gerade
durchwanderte, überrascht, wenn ich mich einfach umdrehte!
Vorausschauen - Abwarten
Und nicht nur das gelegentliche Zurückschauen birgt Motive. Seien
Sie - diesmal im übertragenen Sinne - vorausschauend, wenn Sie
Tiere oder etwa besondere Lichtstimmungen fotografieren wollen. Bei
Tieren setzt dies voraus, dass deren Verhaltensweisen bekannt sind und
vom Fotografen erahnt werden können. Lassen Sie die Akteure nicht
aus dem Sucher! Nichts ist ärgerlicher, als den entscheidenden
Moment wie etwa im Bild 5 zu verpassen.
Eisbärenkampf (Ursus maritimus)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Seien Sie auch vorausschauend, wenn Sie Landschaften fotografieren
wollen. Kommen Sie wieder, wenn die Beleuchtung wenig
aussagekräftige Motive in Stillleben verwandelt (Bild 6).
Seerosenblätter (Nymphaea) im Abendlicht
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Das Nahe sehen - das Ferne sehen
"Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah!" Das ist
auch in der Fotografie häufig so. Manche Motive erschließen
sich, wie ich oben bereits schrieb, dadurch, dass man Ausschnitte der
Natur länger betrachtet, Details wahrnimmt und versteckte Motive
realisiert. Gehen Sie noch näher heran! Schauen Sie sich das, was
Sie entdecken, durch ein Makroobjektiv an, das einen
Abbildungsmaßstab von 1:1 oder größer ermöglicht!
Betrachten Sie von dem kleinen Motiv, das Sie entdeckt haben, wiederum
nur einen Ausschnitt - und nicht nur den, der sich zunächst
anzubieten scheint! Natürlich beeindrucken etwa Facettenaugen von
Insekten, aber nicht weniger spannend sind die filigranen Flügel,
die gezackten Füße, die bunten Körper. Natürlich
ergibt eine Blüte in der Gesamtschau ein harmonisches Bild, aber
betrachten Sie auch die noch kleineren Details! Sie finden eine
ungeahnte Fülle von Motiven (Bild 7).
Tulpendetail (Tulipa)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/105mm Micro, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Dasselbe passiert bei einem Blick durch das Teleobjektiv. Das
Teleobjektiv ist nicht nur dazu geeignet, Tiere näher
"heranzuholen", die bei weiterer Annäherung die Flucht ergreifen
würden. Immer wieder bin ich überrascht, wie viele Details der
mich umgebenden Landschaft ich mit bloßem Auge übersehe. Sie
sind einfach zu weit entfernt, als dass das Auge ihre Strukturen und
Farbigkeiten klar auflösen und ihre Eignung als Motiv wahrnehmen
könnte. Die geringe Schärfentiefe des Teleobjektivs
unterstützt die Reduzierung des Bildes auf die wesentlichen
Elemente. Sie löste Details aus ihrem Umfeld und ermöglicht
stimmungsvolle Aufnahmen (Bilder 8 und 9).
Gullfoss (Island)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/35-70mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Gullfoss- Detail (Island)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Langsam sehen - schnell sehen
Möwe im Hafen von Sassnitz
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Was tun Sie, wenn Sie ein bewegtes Motiv vorfinden? Der Automatismus,
bei bewegten Tieren eine möglichst kurze, bei Wasser aber eine
lange Belichtungszeit zu wählen, um das Fließen zu betonen,
schränkt die Vielfältigkeit der möglichen Bilder grundlos
ein. Meist wirken Motive völlig unterschiedlich, wenn die eine
oder andere Variante oder das Mittelmaß gewählt werden, und
in den überwiegenden Fällen haben alle Möglichkeiten
ihren eigenen Reiz. Wasser hat zum Beispiel bei allen Belichtungszeiten
wundervolle Bildeigenschaften. Kurze Zeiten lassen die Linien der Wellen
zu fast meditativen Motiven werden (Bild 10), lange Verschlusszeiten
verwandeln es in fließende Farben (Bild 11), eine mittlere
Verschlusszeit ermöglicht, gleichzeitig Bewegungsunschärfe
einerseits und glänzende Wasserperlen andererseits ins Bild zu
setzen, etwa bei einem badenden Vogel.
Hasenburger Bach
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Auch wenn Motive eigentlich recht farblos sind, so bringt
Bewegungsunschärfe dennoch oft einen Reiz hinein. Andererseits
machen kurze Verschlusszeiten Dinge sichtbar, die das menschliche Auge
aufgrund ihrer Schnelligkeit nicht als klares Bild abzubilden vermag
(Bild 12).
Kochende Schlammquelle (Island)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Details betrachten und Beziehungen auflösen
Stellen Sie sich vor, Sie wandern an einem Bach, der sich mit
üppig bewachsenen Ufern durch ein enges Tal schlängelt. Sie
suchen eine besonders schöne Stelle und fotografieren den Bachlauf
entlang? Natürlich, aber versuchen Sie einmal herauszufinden, wo
die eigentlichen Besonderheiten des Baches liegen! Bild 13 entstand an
einem solchen Bach, der an einigen Stellen einen hellgelbsandigen
Untergrund hatte. Auf seiner Oberfläche spiegelten sich
sonnenbeschienene Blätter. Die Farben waren es, die faszinierten!
So löste ich den Bach fotografisch vollständig aus seiner
Beziehungen und fotografierte lediglich die Farben. Entstanden ist ein
etwas rätselhaftes, stimmungsvolles Bild.
Farbenspiele in einem Waldbach
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Solche Motive erkennt nur, wer sich bemüht, gelöst von der
Gesamtheit Details wahrzunehmen und Linienführungen oder
Farbigkeiten kreativ von ihren Beziehungen zum Ganzen trennt.
Das Ganze betrachten und Beziehungen herstellen
Doch auch hier kann genauso das Gegenteil für interessante
Aufnahmen sorgen: die Darstellung der Beziehung des Hauptmotivs zu
seiner Umgebung. Selbst dann, wenn zunächst gar keine Beziehung
zwischen zwei Objekten besteht, lassen sich durch "künstliche"
gemeinsame Kompositionen interessante Motive gestalten. Dabei ist es
nicht nötig, in das Gesehene einzugreifen. Allein durch den
kreativen Einsatz der Kamera und ihrer Möglichkeiten können
Objekte verbunden werden, die ursprünglich nicht zusammen gesehen
werden (Bild 4).
Insbesondere, wenn die Beziehung des fotografierten Hauptmotivs zu
seiner Umgebung wichtig erscheint, wähle ich ebenso Aufnahmen, die
das Ganze betrachten und die Beziehungen darstellen, wie im Bild 1.
Flächen sehen - tiefer blicken
Insbesondere bei der Fotografie von Wasser, aber auch bei anderen
Gelegenheiten bleiben die Augen gern auf der nächstgelegenen
Fläche ruhen, ohne "hinter die Kulissen" zu schauen. Gerade die
Spiegelungen auf einer Wasseroberfläche machen häufig den Reiz
eines Bildes aus (Bild 10). Doch entgehen dem Fotografen Motive, wenn
er sich nicht bewusst bemüht, seinen Blick auch für die Tiefe
zu schärfen (Bild 1). Achten Sie auf beide Alternativen, nur so
schöpfen Sie den ganzen Motivreichtum aus.
Einzigartiges - Dopplungen - Vervielfältigungen
In Reih' und Glied (Naturschutzgebiet
Heilige Hallen, Mecklenburg)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/35-70mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Als Fotograf ist man natürlich immer auf der Suche nach
einzigartigen Motiven. Manchmal erweisen sich gerade Dopplungen oder
größere Vervielfältigungen als besonders reizvoll.
Insbesondere wenn sich die Pflanzen oder Tiere sehr ähneln und eine
gleiche oder gespiegelte Haltung bzw. Wuchsform zeigen, ergeben sich
gute Motive (Bild 14). Dagegen werden Motive, die in der Regel in
"Häufungen" auftreten, gerade durch die Vereinzelung zu etwas
Besonderem.
Die Augen schweifen lassen: nach oben schauen - nach unten schauen
Herz auf der Zunge (Südküste Islands)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Lassen Sie Ihre Augen auch in ungewöhnliche Richtungen schweifen.
Schauen Sie, was sich über Ihnen befindet, und schauen Sie bewusst
auf den Boden. Die Blickrichtung auf den Boden wird zwar relativ
genommen, weil der Weg übersehen werden muss. Er beschränkt
sich jedoch meist auf die Teile des Bodens, über die der Fotograf
seine nächsten Schritte tun will. Weichen Sie - mit den Augen - vom
Weg ab. Dort finden sich häufig Motive, die "im Vorbeigehen"
aufgrund ihrer Unscheinbarkeit übersehen werden (Bild 15). Auch
beim Blick nach oben finden sich nicht nur häufig übersehene,
sondern eben auch Bilder, die ungewöhnlich sind, weil sie selten
wahrgenommen werden.
Einen höheren oder tieferen Standpunkt wählen
Der Tipp, die Höhe des Standpunktes zu variieren, scheint auf den
ersten Blick nichts Neues zu sein. Es wird immer wieder darauf
hingewiesen, Tiere möglichst in deren Augenhöhe aufzunehmen,
weil so ein direkterer Eindruck von dem Tier entsteht. In vielen
Fällen muss man hierfür auf Bäume und Leitern steigen,
auf die Knie gehen oder sich noch weiter "herablassen". Aber welcher
Fotograf lässt sich dazu herab, seine Umgebung auf Knien zu
erkunden, bevor er ein Motiv entdeckt hat? "Versuch macht kluch." Den
Hahnenfuß neben dem Grashüpfer (Bild 4) hätte ich nicht
entdeckt, wenn ich nicht auf gut Glück einmal meine Augenhöhe
verändert hätte.
Ähnlich ist es mit höheren Standpunkten, doch im Gegensatz
zur niedrigeren Augenhöhe ist ein solcher viel schwerer zu
erreichen - und da natürlich nicht immer sofort ein Motiv
auftaucht, nur weil man die Perspektive gewechselt hat, mache ich mir
nur selten die Mühe. Doch ist es immer wieder erstaunlich, welchen
Anblick die Dinge von oben betrachtet bieten (Bild 16).
Islands Süden (Luftaufnahme)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Die Perspektive wechseln: von allen Seiten betrachten
Die Perspektive kann man aber nicht allein dadurch wechseln, dass man
einen höheren oder niedrigeren Standpunkt wählt. Die
Perspektive kann auch verändern, wer Objekte, die in der Regel in
einer bestimmten Ansicht betrachtet werden, aus anderen Ansichten heraus
darstellt, etwa eine Pilzreihe aus der Froschperspektive (Bild 14).
Solche Bilder werden dadurch spannend, dass sie die Wirklichkeit anders
sehen lassen, als wir es gewohnt sind.
Schauen Sie auch von allen Seiten auf ein Motiv. Die Dinge sind meist
vielseitiger als wir ahnen.
Den Hintergrund in den Vordergrund rücken
Mirabellenblüte (Prunus domestica)
im Gegenlicht
Nikon F 100, Nikkor 2.8/105mm Micro, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Auch die Veränderung des Hintergrundes kann einem Bild eine
völlig andere Wirkung geben. Rücken Sie daher die
möglichen Hintergründe einmal in den Vordergrund Ihrer
Betrachtungsweise, wie ich es im Bild 17 getan habe. Das eigentliche
Motiv wäre hier viel weniger spannend, als es durch die bewusste
Wahl des Hintergrundes im tatsächlichen Bild geworden ist. Es gilt,
sich bietende Hintergründe zu erkennen und auszunutzen oder
gegebenenfalls auch abzuwarten, bis sich ein spannender Hintergrund
bietet, eine dekorative Wolke in den Bildbereich gezogen ist oder die
Sonne so weit gesunken ist, dass sie in das Bild einbezogen werden kann.
Manchmal ergeben sich sogar erst dadurch Bilder, dass ein schöner
oder spannender Hintergrund mit einem Vordergrund "aufgefüllt"
wird, der allein niemals zum Betätigen des Auslösers animiert
hätte. Suchen Sie also nicht stets zuerst einen Vordergrund, um
dann den Hintergrund zu gestalten! Versuchen Sie auch die andere
Vorgehensweise und schauen Sie sich zunächst nach
Hintergründen um! Das kann so weit gehen, dass das, was eigentlich
als Hauptmotiv gewählt wurde, durch die Veränderung der
Schärfeebene in den Hintergrund gerückt wird, wie ich es im
Bild 18 getan habe.
Schilf (Phragmites australis)
und Schwan (Cygnus olor)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Licht und Schatten sehen
Stets bin ich auf der Suche nach kleinen und großen Kontrasten:
in den Bildinhalten ebenso wie in den Helligkeiten. Wirken hinsichtlich
der Bildinhalte vor allem die deutlichen Kontraste, so hat hinsichtlich
der Helligkeitsunterschiede eines Bildes beides seinen Reiz. Das sanfte
Licht der Morgen- und Abendstunden ist wegen der geringen Kontraste
dasjenige, bei dem die meisten Fotografen am liebsten arbeiten. Die
harten Kontraste, die helles Sonnenlicht hervorruft, werden bei direkter
Betrachtung vom menschlichen Auge ausgeglichen, Fotografien bei solchem
Licht werden aber häufig mit Kontrasten überfrachtet, da das
Filmmaterial diese nicht wie das Auge ausgleicht. Es kann jedoch im
Gegenteil auch sein, dass gerade starke Helligkeitsunterschiede die
Bildwirkung ausmachen, wie es im Bild des Felsentors Dyrholaey ist, das
erst durch die starken Kontraste seine ganz besondere Wirkung
erhält (Bild 19). Gegenlicht kann besonders dann, wenn es hart und
kräftig ist, sehr starke Wirkung entfalten. Suchen Sie also nicht
stets nur das weiche Licht!
Felsentor Dyrholaey
(Island, Südküste)
Nikon F 100, Nikkor 2.8/80-200mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Es erscheint in einem ganz anderen Licht
Über Lichteinfall und besondere Lichtstimmungen wird häufig
geschrieben. Neben der Wahl eines Motivs ist das Licht, in dem etwas
fotografiert wird, das wichtigste Thema der Bildgestaltung. Aber nicht
nur Frontallicht, Gegenlicht, Streiflicht, harte oder weiche Kontraste
sind Themen, die man als Fotograf beachten sollte. Manchmal kann das
Licht selbst zum eigentlichen Motiv des Bildes werden, während die
gezeigten Gegenstände nur Statistenrollen übernehmen. Das geht
so weit, dass Fotos ausschließlich mit Licht und Farbe auskommen,
ohne etwas zu brauchen, an dem das Auge des Betrachters sich festhalten
kann, wie im Bild 20. Es lohnt sich, die Augen auch für solche
Momente zu öffnen.
Pappeln (Populus) im Nebel
Nikon F 100, Nikkor 2.8/35-70mm, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Farbunterschiede - Farbnuancen
Zum Thema Farben ist noch weiteres zu bemerken. In den meisten
Fällen ist die Natur weder besonders bunt noch besonders
"eintönig" (monochrom). Die Ausnahmen von dieser Regel eignen sich
besonders gut für starke Bilder, wie etwa ein knallig bunter
Papagei oder abstufungsreiche Blaunuancen im Bild 21. Auch auf einzelne
Farbtupfer in einem ansonsten monochromen Bild (Bild 4) sollte man
achten, insbesondere, wenn es sich um komplementäre Farben handelt.
Beides gibt Bildern eine besondere Spannung. Schon wieder also
gegensätzliche Gestaltungen in der Natur, die der Fotograf zu sehen
üben sollte.
Eiskristalle
Nikon F 100, Nikkor 2.8/105mm Micro, Kodak Elite Chrome 100 Extra Colour
Schärfentiefe - Belichtung - Blitzlicht
Wenig gesagt und geschrieben wird in der Regel über all diese von
mir dargestellten Möglichkeiten, Motive zu sehen und zu erkennen.
Dazu im Gegensatz stehen immer wieder ausgeführte Tipps, wie mit
Schärfentiefe, Belichtung und auch Blitzeinsatz Bilder gestaltet
werden können. Das geht von der Freistellung des Motivs durch
geringe oder die Darstellung von Umweltbeziehungen durch umfangreiche
Schärfentiefe über den gezielten Einsatz von Über- und
Unterbelichtung bis zum Aufhellen oder Verdunkeln des Hintergrundes im
Vergleich zum Hauptmotiv durch verschiedenen Einsatz von
Blitzgeräten. Wenig Neues kann daher hier darüber geschrieben
werden. Aber auch diese technischen Möglichkeiten kann man nur dann
für besondere Fotos nutzen, wenn man beim Blick auf ein Motiv
erkennt, welche Wirkungen die verschiedenen Techniken haben und wie sich
durch deren spielerischen Einsatz neue Bilder gestalten lassen. So kann
zum Beispiel nicht nur das Hauptmotiv in die Schärfeebene
gerückt werden, sondern zusätzlich ein Element der Umgebung
(Bild 4).
Makro und andere Objektive
Nichts ist objektiv! Das haben meine Ausführungen hoffentlich
gezeigt. Es gibt viele Arten, die Dinge zu sehen. Objektive verdienen
diesen Namen aber auch aus anderen Gründen nicht, denn verschiedene
Brennweiten ergeben spezifische Verzerrungen: Teleobjektive stauchen
Entfernungen, Weitwinkelobjektive dehnen sie. Auch hierüber wird
häufig geschrieben, so dass ich auf die sich daraus ergebenden
Gestaltungsmöglichkeiten nicht weiter eingehen möchte.
Fazit
Im Laufe der Zeit scheint sich meine Art, Motive zu finden, einer
philosophischen Betrachtungsweise des Lebens überhaupt
anzunähern. Es gibt die verschiedensten Möglichkeiten, die
Dinge zu betrachten. Und jede Möglichkeit führt zu anderen
Ergebnissen - zu einer anderen Wirklichkeit. Je mehr man dies erkennt
und je häufiger man die verschiedenen Sichtweisen ausprobiert,
desto mehr Motive ergeben sich. Dem Fotografen eröffnet sich so die
Freiheit, nicht nur Abbilder zu erzeugen, sondern Neues entstehen zu
lassen und ganz eigene, außergewöhnliche, überraschende
und beeindruckende Abbilder der Wirklichkeit zu schaffen, ohne die
Wirklichkeit selbst zu verändern.
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